DUISBURG. Randy Williams, der für ein Seminar, das am 17. und 18. Februar stattfinden sollte, aus den USA nach Deutschland gekommen ist, legt noch eine kostenlose Trainingsstunde für die fortgeschrittenen Teilnehmer als Bonus ein. Orun De, Leiter der Close Range Combat Academy-Filiale in Moers und Partner von Mario Lopez, Leiter der Filialen Rheinhausen und Moers und Ausrichter des Seminars, ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, den Gründer der CRCA-Zentren weltweit und Spezialist in Sachen Wing Chun und Selbstverteidigung ein paar Fragen zu stellen.
Hier ein paar Ausschnitte aus diesem Interview:
OD: Randy, wann und wieso hast Du mit dem Wing Chun angefangen?
RW: Ich komme aus China Town, Los Angeles, und bin nur 500 Meter von Bruce Lee’s Kampfkunstschule aufgewachsen. Damals wollte jeder Kung Fu machen. Ich hatte einen kleinen Sandsack in unserer Garage hängen, und eines Tages stand ein Chinese vor dem Garagentor und sah mir beim „Training“ zu. Ich hörte dann sofort auf, aber er sagte, ich solle weitermachen. Dann sagte er, ich solle ihn angreifen, und er machte ein paar blitzschnelle Bewegungen, für mich war es Magie. Inzwischen weiß ich, dass es Lop Sau war. Ich fragte ihn, ob er mich trainieren würde. Er sagte, das geht nicht, ich sei kein Chinese, aber meine Mutter sagte ihm, dass ich zu einem Viertel Chinese war. Dann musste ich Chinesisch lernen. Als ich Chinesisch konnte, hat er mich in die Lehre genommen. Ich war damals 13 Jahre alt.
OD: Gab es Zeiten, zu denen Du am liebsten mit Wing Chun aufgehört hättest?
RW: Ja, die gab es. Als ich mich mit meinem zweiten Lehrer zerstritten hatte, wollte ich alles hinwerfen, und war sehr deprimiert. Damals sagte mir mein dritter Lehrer, dass man sich seine eigenen Ziele stecken muss, und seine Zukunft nicht durch eine einzige Person zerstören lassen sollte. Das gab mir neuen Mut.
OD: Wann hast Du angefangen, selber Leute zu trainieren?
RW: Als ich 21 war. Mein Lehrer war ein Arzt in Chinatown, und war sehr beschäftigt. So übernahm ich dann irgendwann seine Anfängergruppe. Alle Kids nannten mich immer „Randy“, aber eines Tages kam er zu uns und sagte zu den Kids: „Nennt ihn nicht Randy. Nennt ihn Sifu!“ Da wusste ich, dass ich endlich selber Lehrer war.
OD: Gibt es eine besondere Anekdote, die Dich geprägt hat, und Dir den Wert des Wing Chun vermittelt hat?
RW: Als meine Geschwister und ich in unserer Kindheit krank waren, hat uns unsere Mutter immer ein Geschenk gemacht – sie nannte es das Krankheits-Geschenk. Damit wir uns besser fühlen. Als ich 16 war, bin ich stark erkrankt, und meine Mutter schenkte mir eine Ausgabe der Zeitschrift „INSIDE KUNG FU“, es musste damals die dritte oder vierte Ausgabe überhaupt gewesen sein. Auf dem Cover war ein Foto von Quentin Fong, einem berühmten Wing Chun-Meister. Ich las die Ausgabe bestimmt hundert mal.
Dann nahm ich mir vor, selber nach San Francisko zu fahren, um ihn zu treffen. Meine Mutter erlaubte es mir, und so stieg ich in den Bus und fuhr alleine nach San Francisko. Ich kam in irgendeiner verlassenen Gegend an und ging zu Fuß und mitten in der Nacht durch die Stadt und hatte dann irgendwann die Schule von Fong gefunden. Aber sie war noch zu und so wartete ich. Morgens kamen ein paar seiner Schüler und fragten mich, was ich denn wolle. Ich sagte, ich wolle Quentin Fong sehen und sprechen. Sie sagten nur, ich sei kein Chinese, er würde mich nicht sprechen und ich solle verschwinden. Ich blieb aber sitzen. Später kamen andere Schüler und fragten mich, warum ich draußen in der Kälte sitze. Ich sagte, dass ich nicht rein darf, und die beiden Ersten schickten mich auch wieder auf unfreundliche Weise aus dem Laden. Endlich kam Meister Fong, und auch er fragte mich, warum ich nicht reinginge. Ich sagte, ich durfte nicht, und auf seine Frage hin zeigte ich ihm, wer mich draußen warten ließ. Die beiden Schüler mussten als Strafe die Übung „A Thousand Punches“ mit Handkrafttrainern machen, und jedes Mal, wenn einer die Hand entspannte musste er von neuem anfangen. Meister Fong sprach mit mir, und wir trainierten zusammen, und abends brachte er mich mit dem Auto zum Bus.
Ich habe von ihm gelernt, dass man alles anerkennen sollte, was Menschen tun, um ihre Ziele zu erreichen, und dass man nett zu den Mitmenschen sein muss.
OD: Hast Du ihn noch mal wieder gesehen?
RW: Nein, leider nicht. Ich wollte ihn vor ein paar Jahren besuchen, aber da hörte ich, dass er inzwischen gestorben war. Aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass er vielleicht mal mein Bild auf der INSIDE KUNG FU gesehen hat, und sich dachte: “Hey, das ist doch der Kleine, der vor meinem Laden saß...“
OD: Als Wing Chun-Experte und Bodyguard, hast auch Du manchmal Angst?
RW: Oh ja. Wenn es nicht so wäre, wäre etwas verkehrt mit mir. Bei jedem Kampf habe ich Angst, aber genau das ist es, was man zum Kämpfen braucht. Es muss nicht immer die Angst sein, dass man verletzt wird, es kann auch sein, dass ich Angst habe, dem Gegner etwas zu tun. Angst bewirkt, dass man das Gehirn ausschaltet und instinktiv kämpft. Die Reaktionen werden ganz anders. Es ist gut, wenn man Angst hat.
OD: Ein letztes Wort für unsere Leser?
RW: Wenn ihr Wing Chun lernen wollt, dann arbeitet an euren Basics, an den langsamen Bewegungsabläufen, bis der Körper sie von alleine kann. Jeder kann es erlernen, warum sollte es also nicht auch jeder lernen?
Und glaubt nicht immer den Meinungen und Aussagen anderer, bildet eure eigenen Meinungen.
OD: Ich bedanke mich!
RW: Ich habe zu danken! Bis bald!